Julian Reich Dossier

Bewerbung · Mandat Spezialist:in Künstliche Intelligenz · MAZ

KI im Journalismus

Künstliche Intelligenz ist für den Journalismus kein Effizienztool. Nur in wenigen Fällen hilft sie, Zeit zu sparen, etwa bei der Transkription von Audio oder dem Verarbeiten von Pressemitteilungen. Als Textmaschine kann sie unsere Artikel besser machen — aber als Autorin taugt sie nichts.

Interessant wird die Arbeit mit KI dort, wo sie uns Dinge ermöglicht, für die es vorher vertiefte Programmierkenntnisse gebraucht hätte: Datensätze auswerten, Quellen automatisiert beobachten, eigene Werkzeuge bauen.

Ich bin Julian Reich, Redaktionsleiter Terra Grischuna und KI-Beauftragter der Somedia-Redaktionen. Diese Seite zeigt, wie ich mit KI arbeite und wie ich KI im Journalismus unterrichten würde.

Für den Redaktionsalltag der «Südostschweiz» habe ich verschiedene Tools und Dashboards erstellt, ohne vertiefte Programmierkenntnisse.

Verkehr Südostschweiz — live

— n8n · ASTRA DATEX II · GitHub Pages

Wenn der Kerenzerbergtunnel gesperrt ist, erfährt es die Redaktion über TCS, Google Maps oder Leseranrufe — meist mit einer Stunde Verzug. Dabei sind die Daten der Strassenverkehrszähler öffentlich.

Ein n8n-Workflow holt alle fünf Minuten Zähldaten und amtliche Meldungen des ASTRA, vergleicht sie mit einer aus 42 Tagen gebauten Normallage und zeigt für 45 Standorte in Graubünden und Glarus an, wo es staut.

Im eigenen Tab öffnen → Live-Daten, alle 5 Minuten aktualisiert

So warm ist Graubünden — Klima- und Wetterstationen

— MeteoSchweiz Open Data (STAC) · JavaScript · GitHub Pages

«War das der wärmste Juni aller Zeiten?» ist eine Frage, die sich jede Redaktion in diesem Sommer stellt. Die homogenen Klima-Langreihen der MeteoSchweiz reichen bis 1864 zurück und sind frei zugänglich.

Eine Seite je Bündner Messstation: aktuelle Temperatur aus dem automatischen Messnetz, daneben die Einordnung gegen die Normperiode 1991–2020 und die Jahresreihe seit 1864. Datenquelle ist die offene STAC-Schnittstelle der MeteoSchweiz, ohne Zwischenhändler und ohne Kosten.

Ticker-Transkriptor

— PWA · n8n · Whisper · GPT-4o-mini

Live-Berichterstattung aus Parlamentssitzungen, Landsgemeinden und Pressekonferenzen kostet enorm viel Zeit: mitschreiben, transkribieren, strukturieren — parallel zum Zuhören.

Eine Progressive Web App nimmt Audio in Minuten-Abschnitten auf, schickt es über einen n8n-Workflow an Whisper, lässt das Transkript sprachlich glätten und schreibt es fortlaufend in ein Google Doc, auf das die Redaktion zugreift. Für die Glarner Landsgemeinde 2026 mit einem eigenen Vokabular für Namen, Orte und Abstimmungsformeln versehen.

Ticker-Transkriptor: App-Oberfläche

Gerichtsmonitor Obergericht Graubünden

— n8n · OpenAI

Gerichte publizieren laufend neue Entscheide. Niemand in einer Lokalredaktion hat Zeit, täglich manuell nachzusehen — relevante Fälle gehen unter, bevor jemand davon weiss.

Ein Workflow prüft täglich die neu publizierten Entscheide des Bündner Obergerichts, lässt sie zusammenfassen und schickt einen strukturierten Digest in die Redaktion. Die Auswahl bleibt beim Menschen; die Maschine macht nur sichtbar, was es überhaupt gibt.

Gerichtsmonitor: täglicher Digest

Zefix-MCP — das Handelsregister als Recherchewerkzeug

— Python · MCP · Zefix-API

Das Schweizer Handelsregister ist öffentlich, aber Firma für Firma abzufragen. Für Recherchen zu Firmennetzen, Eigentümerstrukturen oder SHAB-Meldungen braucht es ein Werkzeug, das man wiederholt einsetzen kann.

Ein öffentlich publizierter MCP-Server, der das Handelsregister systematisch befragbar macht — Firmensuche, UID-Abfrage, SHAB-Meldungen, direkt aus einem KI-Assistenten heraus. Eingesetzt unter anderem für eine Recherche zur Firmendichte im Misox.

Zefix-MCP: Auswertung Firmendichte Misox

Datenserie «Graubünden in Zahlen»

— Python · Datawrapper-MCP · data.gr.ch · BFS

Datenjournalismus galt als etwas für Redaktionen mit Entwicklerteam. Dabei liegen in den kantonalen Portalen Datensätze, die auf eine Auswertung warten — es fehlt nicht der Zugang, sondern das Handwerk dazwischen.

Rohdaten von data.gr.ch und vom Bundesamt für Statistik, Auswertung in Python mit KI-Assistenz, Visualisierung über einen selbst gebauten Datawrapper-MCP-Server. Daraus ist eine regelmässige Serie in der «Südostschweiz» geworden — Maturaquoten, Zweitwohnungen, Grenzgänger. Jede Ausgabe wird mit einer Beleg-Ebene publiziert, in der jede Zahl auf ihre Quelle zurückführt.

Datenstory: Datawrapper-Visualisierung Graubünden

01 — Vom Datensatz zur Lokalgeschichte

Lokal- und Regionalredaktionen · Vorkenntnisse: keine

Lernziel. Die Teilnehmenden führen einen öffentlich verfügbaren Datensatz bis zur publikationsreifen Geschichte — ohne Programmierkenntnisse, aber mit den Prüfschritten, die eine Redaktion verantworten kann.

  • · Wo Daten liegen: opendata.swiss, kantonale Portale, BFS, Bundesämter — und woran man erkennt, ob ein Datensatz überhaupt eine Geschichte hergibt
  • · Plausibilisieren, bevor gerechnet wird: Einheiten, Erhebungsjahre, fehlende Gemeinden, Definitionswechsel
  • · Auswertung mit einem KI-Coding-Assistenten — inklusive der Stellen, an denen er falsch rechnet und man es merken muss
  • · Visualisierung und Beschriftung: was die Grafik zeigt und was sie nicht behauptet
  • · Quellenangabe und Nachvollziehbarkeit: die Leserin muss die Zahl nachrechnen können

Eigenes Fallbeispiel: die Serie in der «Südostschweiz» — Maturaquoten, Zweitwohnungen, Grenzgänger.

02 — Quellen automatisch beobachten

Redaktionen mit Recherche-Fokus · Vorkenntnisse: keine

Lernziel. Die Teilnehmenden richten ein Monitoring ein, das ihnen täglich meldet, was sich in einer für sie relevanten Quelle geändert hat — und wissen, wann sich das lohnt und wann nicht.

  • · Was sich zu überwachen lohnt: Gerichte, Amtsblätter, Handelsregister, Baugesuche, Messdaten
  • · Die Quelle prüfen: gibt es eine Schnittstelle, ein XML, oder nur eine Webseite — und was das für den Aufwand bedeutet
  • · Einen Workflow bauen (n8n) und ihn selbst wieder reparieren können
  • · Die Schwelle setzen: ab wann ist eine Änderung eine Meldung wert? Wer zu viel meldet, wird ignoriert
  • · Fehlerfälle: was passiert, wenn die Quelle ihre Struktur ändert — und warum man das merken muss

Eigene Fallbeispiele: Gerichtsmonitor Obergericht Graubünden, ASTRA-Verkehrsmeldungen, Zefix.

03 — Texten mit KI — oder trotz KI?

Redaktionen und Corporate Newsrooms · Vorkenntnisse: keine

Lernziel. Die Teilnehmenden machen ihre Texte mit KI besser, ohne die Autorschaft aus der Hand zu geben — und können begründen, wo die Grenze verläuft.

  • · Wo KI im Schreibprozess trägt: Rohmaterial ordnen, kürzen auf Zeichenmass, Titel und Vorspann variieren, gegenlesen lassen und fragen, was fehlt
  • · Wo sie schadet: beim ersten Entwurf. Wer die KI den Einstieg schreiben lässt, übernimmt ihre Gliederung und merkt es nicht — ausgelagert wird nicht die Arbeit, sondern das Denken
  • · Den KI-Sound hören lernen: die glatte, folgenlose Sprache an fremden und an eigenen Texten erkennen
  • · Die eigene Stimme verteidigen: redigieren mit KI, ohne dass am Ende alle Texte gleich klingen
  • · Was nicht verhandelbar ist: erfundene Zitate und Quellen, vertrauliche Dokumente in fremden Systemen, Kennzeichnung gegenüber dem Publikum
  • · Übung: derselbe Text einmal mit, einmal ohne — und die Frage, welcher der beiden trägt

Grundlage: 20 Jahre Redigieren, die Betreuung freier Autorinnen und Autoren bei der «Terra Grischuna» und die internen Workshops für die Somedia-Redaktionen. Gedacht als Ergänzung zu bestehenden Schreibkursen, nicht als Ersatz.

Seit Januar 2025 bin ich zu 30 Prozent KI-Beauftragter der Somedia-Redaktionen. Ein Teil der Arbeit ist bauen, der grössere Teil ist erklären: interne Workshops für die Redaktionen, ein Webinar für Edito, laufende Beratung im Alltag.

Das Publikum sind Kolleginnen und Kollegen mit wenig Zeit, gesundem Misstrauen und der berechtigten Frage, was das mit ihrem Alltag zu tun hat. Diese Skepsis halte ich für einen Vorteil: Sie zwingt dazu, am konkreten Fall zu unterrichten statt am Versprechen.

Das MAZ kenne ich auch von der anderen Seite des Tischs — 2023 als Teilnehmer des Kompaktkurses Multimediajournalismus.

Unter dem Titel «Schöne neue Welt» schreibe ich in der «Südostschweiz» eine regelmässige Kolumne, die KI-Entwicklungen aus journalistischer Perspektive einordnet. Dazu kommt die Datenserie. Beides erscheint hinter der Bezahlschranke des Verlags — Belegexemplare als PDF sende ich gerne zu.

Ich bin seit fast 20 Jahren Journalist. Ich stieg als Praktikant beim Bündner Tagblatt ein, leitete die Kulturredaktion und schrieb als Regionalredaktor über Politik und Wirtschaft. Seit 2018 verantworte ich das Magazin Terra Grischuna als Ein-Mann-Betrieb: Themenplanung, Heftstruktur, Produktion, Budget, freie Mitarbeitende.

Als ChatGPT die Branche aufwirbelte, wollte ich verstehen, was das für mich als Textarbeiter bedeutet. Ich absolvierte den CAS Corporate Writer/AI Content Creator an der HWZ und übernahm ein 30-Prozent-Pensum als KI-Beauftragter bei Somedia.

Ich kann mir zwei Zukünfte vorstellen: eine, in der wir von immer besser aussehendem, aber stets schalem KI-Material überflutet werden — und eine, in der Medien nicht noch mehr Rauschen produzieren, sondern Orientierung anbieten. An der zweiten möchte ich mitarbeiten. Am MAZ liesse sich das auf viele Redaktionen und Corporate Newsrooms übertragen statt auf eine einzelne Redaktion.